Freitag, 12. Februar 2016

„LODERNDE WEISHEIT“ Eine Geschichte zwischen Gestern und Heute
© by Gitta Landgraf-Hausmann All rights reserved
1. KAPITEL







„LODERNDE WEISHEIT“
Eine Geschichte zwischen Gestern und Heute
© by Gitta Landgraf-Hausmann
All rights reserved 


1. KAPITEL


Ohne sonderliche Eile stieg die Frau aus dem Taxi, das sie Minuten zuvor gerufen hatte. Ihr eigenes Auto, ein silbergraues Mercedes Cabrio, war in der Garage geblieben, da es schon lange kein Vergnügen mehr war, in der City, Auto zu fahren. Es wurde, bekannter Maßen, immer schwieriger, einen Parkplatz zu finden.
Sie reichte dem Taxifahrer einen Geldschein durch das heruntergekurbelte Fenster, wartete ungeduldig auf das Retourgeld und die Rechnung und steckte beides, als sie es erhalten hatte, achtlos in die zu ihrem Outfit passende Handtasche. Dann zupfte sie den schmal geschnittenen Rock zu recht, der beim Aussteigen ein wenig an den wohl gerundeten Hüften hoch gerutscht war, strich ihn glatt und warf einen prüfenden Blick auf die Adresse, die auf der Einladung stand.
Keine besonders gute Gegend, sagte sie sich.  Ja, sie verspürte sogar ein leichtes Unbehagen, als sie das Taxi starten und eilig davon fahren hörte.
Sei kein Snob, Alexa! ermahnte sie sich. So hochwohlgeboren bist du auch wieder nicht.  Und mit diesen Gedanken schritt sie entschlossen auf das Haus zu, über dessen Eingang ein leicht verbeultes, zerkratztes Nummernschild aus blau-weißem Email prangte.

Eigentlich rechnete sie mit einer der üblichen Vernissagen, wie sie schon viele erlebt hatte. Ohne besondere Vorkommnisse, ohne besondere Ereignisse.
Aber das Leben hatte seine eigenen Spielregeln. Und so trafen sie die kommenden Ereignisse völlig schutzlos, heftig und intensiv; verwandelten ihr bisher sorgfältig geplantes Leben in eine verwirrende Hochschaubahn widerstrebender Gefühle.

Stunden zuvor war sie an ihrem Schreibtisch gesessen, hatte seufzend den Berg Arbeit betrachtet, der sich vor ihr auftürmte und sich dann entschlossen in die Aufarbeitung gestürzt.
Für Alexa Andres war es beinahe unumgänglich, jede  Veranstaltung, die mit moderner Kunst befasst war, zu besuchen. Ihre Abende waren daher auf Wochen hinaus ausgebucht, denn  die Einladungen flatterten  zahlreicher ins Haus, als ihr recht war.
"Dieses Monat ist für mich schon wieder gelaufen", stöhnte sie; ließ, während sie die Post durchsah, einen hochhackigen Pumps vom Fuß gleiten und seufzte erleichtert auf. Dann rieb sie die schmerzenden Zehen, bis sie nicht mehr unerträglich schmerzten und stellte fest, dass sich ihre Stimmung daher bereits wesentlich verbessert hatte.
Sie wandte sich wieder der zuvor begonnen Beschäftigung zu; öffnete bunte, teure und billige, oder auch aus Büttenpapier gefertigte Kuverts mit geübter Hand, ohne den bereitliegenden Brieföffner zu benutzen. Eine üble Gewohnheit, die ihr so manches Mal kleine, schmerzende Schnitte am Zeigefinger bescherte.
Nach einem kurzen Blick auf den Inhalt, flog der Großteil der Einladungen in den antiken, mit Samt bespannten Papierkorb, der in seltsamen Widerspruch zu dem modern und sehr reduziert eingerichtetem Büro stand. Eine kleine Konzession an ihre gut versteckte Vorliebe für alte Dinge, die so gar nicht zu dem übrigen Ambiente passte.
Dann ging sie das kleine Bündel der vorläufig akzeptierten Einladungen noch mal durch, warf einen Blick auf den bereits randvollen Terminkalender, seufzte und wieder wanderten einige der verbliebenen Billets zu den bereits ausgeschiedenen in den Papierkorb.
So! Das war es wieder einmal. Erledigt!
Zufrieden wollte sie sich wieder neuen Aufgaben zuwenden, als ihr Blick noch mal auf den kleinen Berg ausgeschiedener Einladungen fiel. 
Ein seltsames Gefühl, etwas wie eine Ahnung zwang sie, noch mal in den Papierkorb zu greifen, und sie holte eine Einladung, die in flammenden Orange-Rot prunkte, heraus und studierte sie mit gerunzelten Brauen.
Die Vernissage war für den heutigen Tag angesetzt.
Welch eine Dummheit, die Einladung so spät auszusenden, murrte sie und schüttelte missbilligend den Kopf.
„Aber das Bild ist eigentlich gar nicht so übel“, murmelte sie dann nachdenklich und betrachtete das auf der Einladung abgebildete Gemälde näher.
Hmmm!
Vielleicht würde sie heute Abend doch einen Sprung in dieser unbekannten Galerie vorbeisehen, überlegte sie und steckte die Karte für alle Fälle in ihre Handtasche, bevor sie die Galerie eilends verließ.

Voll Schwung stieß sie am späten Abend die Tür zu bewusster Galerie auf und blickte sogleich in ein von rosa Lichtern verklärtes, lächelndes Gesicht, das sie überrascht als ihr eigenes erkannte. Unglaublich vorteilhaft veränderten die zahlreichen Lämpchen, die über einem beim Eingang geschickt placierten Spiegel montiert waren, ihre bisher angespannten Züge.
Sie betrachtete sich erfreut, dann zog sie automatisch, den winzigen Bauchansatz ein, der sich trotz aller Bemühungen in steter sanfter Beharrlichkeit unter dem engen Rock abzeichnete.
Sie seufzte.
Dies sei ein Zeichen der Reife, hatte sie mal gelesen.
Die Wölbung des Bauches stelle sich ab einem gewissen Alter eben ein, erklärte man ihr in einem Frauenmagazin, das sie während eines Friseurtermins durchschmökert hatte.
Auf diese Zeichen der Reife konnte sie jedenfalls verzichten, ärgerte sie sich insgeheim. Und dachte gleichzeitig Schuld bewusst an all die Schokolade, die sie in letzter Zeit - gnadenlos sündigend, da stressgeplagt - in sich hinein gestopft hatte.
Sie beschloss, gleich morgen einen weiteren „Nur-Apfel-Tag“ einzuschieben und fühlte sich beinahe augenblicklich ein wenig besser.
Wenn man einem flüchtigen Beobachter gesagt hätte, Alexa zähle schon über vierzig Jahre, so hätte er dies auf den ersten Blick als unmöglich abgetan.
Nur die Lachfältchen, die sich im Laufe der Zeit allmählich in den Winkeln ihrer dunkelbraunen Augen eingenistet hatten, verrieten dem aufmerksamen Betrachter, dass sie schon länger auf dieser Erde wandelte, als er eigentlich vermutete.
Wenn dann der Blick über feste, nicht allzu üppige Brüste, eine schmale Taille, wohl gerundete Hüften und lange, elegante Beine in seidig glänzenden Strümpfen glitt, so wurde dieser erste Eindruck bestätigt.
Und die erstklassigen italienischen Schuhe mit elegant geschwungenen, aber nicht übermäßig hohen Absätzen ließen ahnen, dass man es hier offensichtlich mit einer Frau zu tun hatte, die mit beiden Beinen fest im Leben stand.
Überdies legte Alexa Andres großen Wert auf gediegene, elegante Kleidung. Dies war sie – ihrer Meinung nach - sowohl ihrem Beruf, als auch ihrem Image schuldig.
Die attraktive Frau war daher gern gesehene Kundin in den renommiertesten Boutiquen der Stadt. Vielleicht auch deshalb, weil sie stets mit sicherem Griff von der Stange holte, was genau zu ihrem Typ passte und nicht lange zauderte und zögerte, sondern kurz entschlossen kaufte.
Ein wahrer Segen, stellte so manche geplagte Verkäuferin fest, die tagtäglich mit den Einkaufsorgien gelangweilter Schicki-Micki-Damen konfrontiert war. Und das Lächeln, das bei Alexas Anblick über ihr Gesicht ging, war nicht aufgesetzt, sondern kam meist von ganzem Herzen.

Alexa durchquerte nach dem teils erfreulichen Intermezzo vor dem Spiegel mit einigen wenigen Schritten den Vorraum.
Stimmengemurmel und gedämpfte Musik schlugen ihr entgegen.
Schwacher Duft vereinzelter Räucherstäbchen kämpfte ergebnislos gegen dominierenden Zigarettenqualm, der in zartblauer Giftigkeit über dem Geschehen lag.
Alexa hustete.
Sie hasste Zigarettenrauch und dachte verärgert, dass ihr vor einer Stunde frisch gewaschenes und kunstvoll geföhntes Haar am nächsten Morgen nach kaltem Rauch riechen würde.
Ärgerlich! war sie verstimmt; und versuchte automatisch, aber sinnlos sich mit der echten Kelley-Bag frische Luft zuzufächeln.
Außerdem runzelte sich ihre Stirn unwillig bei dem Gedanken, dass das  Kostüm, das sie heute zum ersten Mal trug, nach diesem Abend bereits ein Fall für die Putzerei sein würde.
Dann vergaß Alexa allerdings all diese misslichen Gedanken; war völlig gefangen von dem, was sich ihren Augen darbot.

Sie selbst besaß wohl eine der schönsten Galerien der Stadt, im Zentrum gelegen, absolut "downtown".
Die Farbe Weiß dominierte dort Wände und Möbel, strahlte ihrer Meinung nach klare, kühle Eleganz aus, die noch von sandfarbenen Teppichen erhöht wurde.
Nur durch wenige, goldfarben blitzende Messingelemente wurde die weiße Strenge gemildert und gelockert, den Räumen ein Hauch unterschwelliger Verspieltheit verliehen. Ein Ambiente, das den Kunden sich wohlfühlen ließ, ihn darauf vorbereitete, die Herausforderung der meist großformatigen, abstrakten Gemälde anzunehmen.
Herausforderung wurde bei Alexa überhaupt groß geschrieben. Sie war der geborene 'talent-scout', besaß eine untrügliche Nase für echtes Talent und setzte ihren, mit dieser Gabe nicht so sehr gesegneten Mitbürgern oft Erstaunliches, ja Schockierendes vor.
So konnte sie gelegentlich sogar recht ungeduldig, ja manches Mal sogar unfreundlich werden, wenn der vielleicht noch im Erkennen von Qualität ungeübte, verblüffte Betrachter nicht sofort die Genialität und Einmaligkeit der hier ausgestellten Gemälde und Skulpturen erkannte.
Meistens aber bemühte sich die Galeristin aufopfernd, einen Neuling in die Wunderwelt der Abstraktion mit ihrer so völlig anderen Sicht der Dinge einzuführen. Und in vielen, vielen Fällen war sie dabei sehr erfolgreich gewesen, was sowohl ihr Bankkonto bewies, als auch ihre ständig wachsende Kundenkartei, die zahlreiche prominente Namen samt Adresse enthielt.
Gerne benützte sie bei diesen Gesprächen mit Kunden die Definition der Abstraktion, die die Malerin Erika Giovanna Klien gegeben hatte; eine Künstlerin, die anfangs des 20. Jahrhunderts lebte.
Die Abstraktion entspringt der Verzweiflung, hatte diese gesagt.
Die schönen Bilder des Lebens gelingen nicht mehr. Die kuschelige Wärme der Liebe ist unerreichbar. Sie wird preisgegeben zugunsten der herzlosen Abstraktion.
Aber - die abstrakte Kunst ist auch eine Rettung. Wenn abstrakt gemalt wird, ereignet sich das Wunder der Umkehr und Rückkehr: quer durch die abstrakten Formen brechen – im geglückten Bild – doch wieder Wärme und Schönheit.
Und die meisten der von Alexa vorsichtig zur Abstraktion geführten Kunden, konnten dann nur mehr zustimmend nicken. Viele sahen dann so zu sagend „hinter die Kulissen der Abstraktion“ oder erhaschten zumindest einen Schimmer dessen, was der Künstler damit ausdrücken wollte; bauten eine innere Beziehung zu den Kunstwerken auf, und der Bilderkauf war nicht mehr nur eine möglichst Gewinn bringende Angelegenheit für sie.

Alexa verharrte gerade regungslos in einem ihr nur ab und zu vergönnten höchsten Moment der Lust des Schauens.
Ihre Augen blickten starr.
Ihre Wangen waren gerötet.
Ihr Atem war verzögert.

Dafür jagte ihr Puls umso schneller.
Ihre Rechte griff wie verloren nach der handbreit über ihrem Nabel gelegenen Stelle, Sonnengeflecht genannt, und rieb und rieb diese unaufhörlich, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein.
Ihre Augen weiteten sich in ungläubigem Erkennen; dann verengten sich ihre Pupillen und führten eine rasche Bestandsaufnahme dessen durch, was sich ihren Blicken darbot.
Beinahe hätte sie geschnurrt wie eine Katze, die sich lustvoll, schmeichelnden, streichelnden Händen hingibt.
So wohl fühlte sie sich in diesem Moment.
So erregt war sie.
So gut war das Gefühl, etwas Großartiges entdeckt zu haben.
Diese Begeisterung jedoch nicht zu offensichtlich zu zeigen, mahnte sie die Erfahrung zahlreicher Jahre als Händlerin. So atmete sie tief durch und wandte den wohl frisierten Kopf, mit angeblich ruhiger, sogar etwas distanzierter Miene von den faszinierenden Gemälden ab und dem Geräusch, der sich neuerlich öffnenden Eingangstür zu. 
Sogleich lag ein leises Lächeln auf ihrem Gesicht, als sie den Eintretenden erkannte.

Xaver war erst vor einigen Wochen in ihr Leben getreten und mit ihm war  wieder der Gedanke an Liebe, an eine Beziehung, in ihr Leben zurückgekehrt.
Sie nahm daher automatisch die Schultern zurück, streckte ihren Körper durch und schüttelte das schulterlange dunkelblonde Haar mit der ihr eigenen, charakteristischen Bewegung.
Dann zupfte und zerrte sie - erstaunlich unsicher wirkend - etliche Male am Rock ihres beigefarbenen Jill Sander Kostüms, obwohl es perfekt saß. Lenkte dadurch, fast ungewollt, Xavers Augen auf ihre schönen Beine.
Er grinste und genoss die Nervosität, die sein Erscheinen offensichtlich bei ihr hervorgerufen hatte.
Sein Blick glitt von Alexas Beinen hoch und fixierte bewusst den durch die hastige Bewegung verrutschten und zu weit auseinanderklaffenden Ausschnitt der schwarzen Seidenbluse, der ihr Kostüm komplettierte.
Einen kurzen, intensiven Moment lang streichelten seine Augen den nackten, festen Busenansatz und machte keinen Hehl daraus, wie sehr er die schöne Frau begehrte, die vor ihm stand.
Er nahm nicht einmal die Hände aus den Hosentaschen, wo er sie ungezogener Weise vergraben hatte.
Lässig beugte er sich vor und küsste Alexa ganz zart auf den Hals.
Dann flüsterte er ihr mit der ihm eigenen, heiseren Stimme, die den meisten Frauen ein angenehmes Gruseln über den Rücken jagte, leise ins Ohr.
"Du brauchst deine Beine nicht zu verstecken. Und alles andere auch nicht!"
Sein Atem strich dabei warm und zärtlich über Alexas Ohr und die glatte Haut ihres Halses.
Xaver ignorierte die ihm von Alexa freundschaftlich dargebotene Wange und zog es vor, seinen weichen, feuchten Mund kurz und flüchtig, beinahe unabsichtlich, Alexas Lippen berühren zu lassen.
Sie erschauerte.
Wie lange war es her, dass ein Mann sie so zärtlich berührt hatte? fuhr es ihr siedend heiß durch den Sinn.
Zu lange, stellte sie dann mit einem kleinen Seufzer fest. Erkannte erschrocken, wie schmerzhaft sich die Sehnsucht zwischen ihren Beinen fest genagt hatte und unerbittlich nach Erlösung verlangte.
Verwirrt und nervös griff sie automatisch, der Verlegenheit halber und  Halt suchend nach einem Glas, das ihr auf einem Tablett angeboten wurde.
Hastig trank sie die herrlich kalte Bowle in kleinen Schlucken.
Dann nahm sie ein zweites Glas.
Fühlte, wie diese Köstlichkeit für einen kurzen Augenblick ihre innere Hitze kühlte; einen Augenblick lang sogar in trügerische Sanftheit verwandelte, bevor die Sehnsucht nach lang vermisster Zärtlichkeit wieder wie ein hungriges, Beute jagendes  Raubtier über sie herfiel.
Xaver bemerkte sehr wohl Alexas Verwirrung, dachte aber gar nicht daran, sie davon zu erlösen.
Vielmehr streifte seine erfahrene Hand nun wie unbeabsichtigt den nur von einer zarten Seidenhülle bedeckten Busen, als er ihr aus der Jacke half.
Alexa erschauerte erneut unter der flüchtigen Berührung, und ihre Brustwarzen wurden zu hartem Zeugnis lang vermisster Lust, erstarrten sichtbar unter dem dünnen Stoff. 
Sie hatte jetzt nicht nur gegen Xavers Charme und Unverschämtheit zu kämpfen, sondern auch gegen die Wirkung des Alkohols, den sie unkluger Weise zuvor viel zu hastig getrunken hatte.
Verdammt!
Sie wusste doch, dass sie das Zeug nicht vertrug! schalt sie sich selbst. Alkohol war ein absolutes No-go für sie und normalerweise hielt sie sich  konsequent davon fern.
Ein einziges Mal in ihrem Leben hatte sie, wegen eines heute lächerlich erscheinenden Kummers, viel zu viel getrunken. Sie erinnerte sich nur ungern an diese Begebenheit, denn damals war sie von einem schrecklichen Traum geplagt worden.
Es war einer jener seltenen Träume gewesen, die einem noch nach Jahren unauslöschlich in die Erinnerung gebrannt bleiben und ungebeten immer wieder aus unbekannter Seelentiefe über das wehrlose Bewusstsein herfallen.

Schwarze Schemen hatten sie in diesem Traum gejagt!
In ein  züngelndes Flammenmeer!
Und schließlich fühlte sie, wie gnadenlos beißende Hitze an ihr hoch kroch und den Atem, aber nicht das Bewusstsein raubte.
Wie Schmerz sie derart überwältigte, dass außer einem Winseln kein Laut ihrer Kehle entfloh; denn in unbeschreiblicher Grausamkeit hatte ihr das Feuer Zunge und Stimmbänder verbrannt und die Stimme geraubt. 
Schweißgebadet, tränenüberströmt und mit üblem Geschmack im Mund war Alexa erwacht.
Und sie hatte geschrien!
In höchsten Tönen! 
Gellend laut!
So lange bis sich die Schreie in ein wildes Schluchzen wandelten, das ihren gesamten Körper schüttelte, sie aber schlussendlich von unsagbarem Entsetzen befreit.
Noch am Tag danach hatte ihr Hals geschmerzt und gebrannt, war ihre Stimme rau gewesen, hatte sie immer wieder ein Schauer des Entsetzens überfallen. Und sie musste heftig und entschlossen kämpfen, um die schaurigen Visionen zu unterdrücken, die sie immer wieder überfallen wollten.


"Lass uns die Bilder ansehen und dann gehen" meinte sie nun leise, mit belegter Stimme.
"Ich will nicht all zu lange bleiben", fügte sie noch hinzu.  Drehte Xaver dabei den Rücken zu, so dass er ihr aufgewühltes Gesicht nicht sehen konnte.

Bedeutungsvoll und nichtssagend zugleich standen diese Worte nun zwischen ihnen.
Xaver versuchte seine Überraschung zu verbergen und betrachtete Alexa verstohlen.
Hatte sie ihren, ihm unverständlichen Widerstand endlich aufgegeben?
Nachdem er die Hoffnung beinahe schon aufgegeben hatte?
Nachdenklich betrachtete er ihre Gestalt, die sich jetzt mit weichen, wiegenden Schritten langsam durch den Raum bewegte.
Und er konnte nicht widerstehen, sich wie schon oft in den letzten Wochen ihren Körper in seidener Unterwäsche vorzustellen. Wie sich diese sanft an ihrer und seiner Haut rieb, während er...

Da wurde er durch Alexas laute, aufgeregte Stimme aus seinen angenehmen Träumen gerissen.
"Mein Gott! Das ist ja noch viel unglaublicher als ich angenommen hatte!" hörte er sie mit vor Erregung versagender Stimme flüstern.
Sein Blick fiel auf ihr von atemloser Spannung gezeichnetes, entrücktes Gesicht.
Die Augen - weit aufgerissen.
So als wollten sie Farbe, Licht, alle Schönheit dieser Welt hier und jetzt in die Schwärze der Iris ihrer Augen saugen und nie wieder freigeben.
Der Mund - halb geöffnet in lautlosem Entzücken.
So stand Alexa zum Greifen nahe und war ihm in Wirklichkeit doch völlig entglitten.
Gefangengenommen von der Lust der Entdeckung, hatte sie die Begierde nach Berührung und körperlicher Erfüllung, die sie gerade noch wie in einem Fieberschauer geschüttelt hatte, völlig vergessen.
Vergessen war auch Xaver, der dies sehr wohl erkannte. Der verärgert herumfuhr und seinen Blick mit einem Farbenrausch konfrontiert sah, der ihn im ersten Moment zurückprallen, erst allmählich seinen überforderten Augen,  überwältigende Schönheit zuteil werden ließ.
Ein unglaublich wildes, forderndes Rot überfiel ihn gleichsam mit  zahlreichen flammengleich lodernden Nuancen.
Ließ ihn zuerst nicht einmal die wirbelnden Frauenkörper erkennen, die über die großformatigen Flächen der Bilder  zu gleiten, zu schweben oder in irrem Tanz zu toben schienen.
Atemlos erkannte er, wie viel  Leidenschaft aus den Körpern sprach, welch unglaubliche Lust sie zu empfinden schienen.
Vielleicht aber auch Liebe, stellte er gleich darauf verwundert fest.
Das Leben selbst schien Xaver mit elementarer, überwältigender Kraft aus diesen Bildern anzuspringen.
Verkörpert in schier unglaublichen Farb- und Bewegungskompositionen, die wie eine farbenprächtige Supernova explodierten, die das Universum in folgenschweren Aufruhr stürzt.
Nach einem Zustand totaler Verwirrung und Überwältigung, nahm schließlich ein bestimmtes Bild seine ganze Aufmerksamkeit gefangen, und er beugte sich ihm mit angehaltenem Atem entgegen.
Dieses wilde, mit großzügigen, klar gesetzten Pinselstrichen gemalte weibliche Wesen - neigte es sich ihm nicht  entgegen?
Ein wenig spöttisch seine Haltung kopierend?
Unglaublich verführerisch und kokett.
Seine Augen fixierten angespannt die des gemalten Gegenübers.
Und er hob seine Rechte ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein.
Um zärtliche Fingerspitzen in sinnlichem Erleben über die erhabene Unebenheiten dick aufgetragener Farben gleiten zu lassen.
"Ich glaube, Sie mögen meine Bilder", klang da eine weiche, kehlige Stimme an sein Ohr, wurde Xaver widerwillig aus diesem Farbuniversum gerissen
Der Hauch eines noch nie gerochenen Parfums durchdrang die wabbelige Milchigkeit des Zigarettendunstes. Ein Duft, der an Unberührtes, möglicherweise an Natur in ihrem Urzustand erinnerte. An unermesslich dichte Wälder, getaucht in ewig währendes Halbdunkel unter gigantischem Blätterdach. An geheimnisvolle, sich an Urwaldbäumen hochrankende Blüten, deren Duft betört, lockt und betäubt. Doch aber auch an den Duft von klarem, sauberen Wasser, durch dessen quirlige Oberfläche man bis an den kieselsteinerfüllten Grund sehen kann.
"Ja! Sie sind wunderschön", antwortete er schlicht und wandte sich der Sprecherin zu.
"Nicht nur die Bilder", korrigierte er sich dann versonnen und ehrlich. Denn er sprach zu einem unglaublich berührenden Wesen, das ihn mit großen, dunklen, forschenden Augen studierte.
Mit Augen, die ihm so seltsam bekannt und vertraut waren, dass er sich sekundenlang nicht von ihnen losreißen konnte.
Erst dann bemerkte er die wild gelockte Mähne, die das zarte Oval des Gesichts wie ein dunkler Heiligenschein in strotzender Dichte umgab.
Die junge Frau stand gelassen und anscheinend selbstsicher vor ihm. Obwohl sie ihm kaum bis an die Schultern reichte, strahlte sie so viel Stärke und Persönlichkeit aus, dass man die nicht vorhandene Größe völlig vergaß.
Ihre Gestalt wurde von einem lose herab wallenden, schwarzen Kleid umspielt, das ganz offensichtlich nicht neu war, und sie trug eine Unzahl bunter Ketten.
Billiger Ramsch, stellte er bei sich fest.
Aber an ihr wirkte er edel, war er sehr erstaunt.

"Ich bin Miriam Faber. Die Malerin, die diese Werke verbrochen hat", versuchte die junge Frau zu scherzen; wirkte mit diesen Worten auf einmal äußerst verletzlich, gar nicht selbstsicher.
Xaver fühlte sogleich, wie viel Unsicherheit, ja sogar Sehnsucht nach Widerspruch in diesen Worten lag.
"Wenn alle Verbrechen so schön wären, wäre es um die Welt besser bestellt", meinte er. Ließ die ihm gereichte Hand nicht los, wie es unausgesprochene Regeln des Anstandes eigentlich verlangten.
Ihre Hand ruhte wie ein kleiner hilfloser Vogel in der seinen, und ihm wurde bewusst, dass er sie am liebsten überhaupt immer an der Hand halten wollte.
Zumindest aber heute Abend…
"Mein Gott!" hörte er da Alexa erneut aufseufzen.
"Sind die nicht göttlich?" fragte sie ungewohnt überschwänglich eine imaginäre Person, möglicher Weise aber sich selbst.
"Nun ja! Man kann ihnen sicher nicht eine gewisse Stärke und Farbintensität absprechen. Aber göttlich?" erhielt Alexa da unverlangte Antwort.
"Na, hören Sie! Wenn man das nicht empfindet, dann sollte man sich doch mit Kunst überhaupt nicht befassen", erwiderte sie aufgebracht und kriegerisch. Gleichzeitig wandte sie ihre Augen offensichtlich widerwillig von den Gemälden ab, um zu sehen, wer sich hier so abfällig äußerte.
Xaver, der Alexa schon gut genug kannte, um zu wissen, dass jetzt gleich ein temperamentvoller Ausbruch erfolgen würde, beeilte sich, die beiden Kontrahentinnen miteinander bekannt zu machen.
"Darf ich vorstellen? Miriam Faber, Schöpferin dieser wunderschönen Bilder.“
„Alexa Andres. Besitzerin von "Andres Arts".
Überrascht betrachteten sich die beiden Frauen, um dann zugleich in ausgelassenes Lachen auszubrechen.
"Da wäre ich Ihnen ja beinahe auf den Leim gegangen", meinte Alexa noch immer lächelnd. "Fast hätte ich mich völlig unnötigerweise für ihre Bilder auf den Kriegspfad begeben."
"Schade, dass Sie es nicht getan haben. Lob tut immer gut! Künstler brauchen das ganz dringend. Davon bekommt man nie genug!" antwortete Miriam strahlend.
Alexa lächelte zustimmend, wandte sich dann von Miriam ab und studierte erneut die ungewöhnlichen Schöpfungen.
"Wo haben Sie sich bisher versteckt? Es ist doch unmöglich, dass mir ihre Arbeiten entgangen sind", war sie plötzlich ganz beunruhigt. Ja sogar ein wenig über sich selbst aufgebracht.
"Das ist meine erste Ausstellung“, beruhigte sie Miriam.
„Ich habe lange gearbeitet und gespart, um sie überhaupt finanzieren zu können.“
„Kein Galerist wollte mich ausstellen" erklärte sie dann noch, zog die linke Augenbraue und Mundwinkel ein wenig abschätzig hoch.
"Es ist nämlich immer wieder das Selbe. Dem einen Galeristen ist man zu avantgardistisch, dem anderen nicht wild genug.“
„Manchen waren meine Farben zu aggressiv. Anderen - unglaublicher Weise - zu konventionell.“
„Das übliche eben, wenn man in kein Klischee passt!" fügte sie abgeklärt hinzu.
"Gott sei Dank, kann ich nur sagen!“ meinte Alexa aufgebracht.
„Ich meine: Alles, nur nicht ins Klischee pressen lassen.“
„Das ist es doch, was den wahren Künstler ausmacht! Einen neuen Blickwinkel eröffnen. Unverwechselbar sein.“
„Ihr Stil ist jedenfalls sehr markant. Unter hundert anderen sofort identifizierbar", stellte Alexa nach einem weiteren kurzen Blick energisch fest. Knabberte dabei gedankenverloren an ihrem Zeigefingernagel, was sie sonst nie tat.
"Wissen Sie was?" fügte sie nach kurzer Überlegung hinzu, ohne ihren Blick von den Bildern abzuwenden.
"Ich  mache eine Ausstellung mit Ihnen! Was halten Sie davon?"
Und Miriams Zustimmung als gegeben nehmend, kramte Alexa in ihrer Tasche, auf der Suche nach einer Visitkarte. Kritzelte mit einem Füller sogar ihre Privatnummer darauf und drückte Miriam die Karte in die Hand.
Dann packte sie die verblüffte Malerin bei den Schultern, drehte sie herum, zeigte auf ein bestimmtes Bild und wollte wissen: "Wie viel kostet das?"
Die junge Frau holte tief Luft und zögerte mit der Antwort.
Hin- und hergerissen von dem Wunsch, einen angemessenen Preis zu verlangen und der Notwendigkeit, wenigstens einen Teil der Spesen der Ausstellung hereinzubekommen, nannte sie eine Summe, die Alexa ein missbilligendes "Hmmmm" entlockte.
Viel zu günstig, dachte die Galeristin.
Aber im Endeffekt unterdrückte die Händlerin in ihr das Begehren, der jungen Malerin zu erklären, dass sie sich weit unter ihrem Wert verkaufte.
Wer ist schon der Feind seines eigenen Geldes, sagte sich Alexa schließlich und brummelte: 
"Geht in Ordnung!" Obwohl sie sich dabei ein wenig schäbig vorkam.
"Ich weiß, dass das ungewöhnlich ist! Aber kann ich es gleich mitnehmen?" fragte sie mit seltsam atemloser Stimme; ließ das Gemälde - sichtlich fasziniert - nicht mehr aus den Augen.
"Kein Problem! Ich werde eben ein anderes nachhängen", antwortete Miriam beinahe ebenso aufgeregt. "Sind ja genug davon da.“
„Ich war nämlich recht fleißig im vergangenen Jahr", erklärte sie noch. Dabei konnte man förmlich die Erleichterung fühlen und hören, wie ihr gleichsam ein Stein vom Herzen fiel, so schnell und unkompliziert verkauft zu haben.
Xaver hatte die beiden Frauen die ganze Zeit heimlich beobachtet und musste nun feststellen, dass er schon lange nicht mehr sagen konnte, welche der beiden ihm besser gefiel.
Verwirrt wandte er sich ab, um angeblich die Bilder genauer zu betrachten, schlenderte einige Schritte weiter und blieb auf einmal wie gebannt stehen.
Dieses Bild da - das tanzte ja völlig aus der Reihe!
Eigentlich erschreckte es ihn, stellte er fest.
Und gleichzeitig zog es ihn magnetisch an.
Er wollte weitergehen, aber er schaffte es einfach nicht und wandte sich daher wieder wie hypnotisiert dem Gemälde zu.
Im Gegensatz zu all den anderen Bildern war es sehr penibel und akkurat gemalt, in der Manier der alten Meister.
Nur der Hintergrund war wieder in diesem explosiven, fordernden Rot gehalten und stellte so doch eine gewisse Verbindung zu den anderen Gemälden her.
Es zeigte einen jungen Mann, der in düsteres Schwarz gekleidet war. Eine steife Halskrause umrahmte in blendendem Weiß das bärtige Gesicht und zwei fanatisch glänzende, stechende Augen, die sich in die des Beobachters zu bohren schienen, ließen den Betrachter nicht mehr los.
Xaver war, als wenn sie sich in sein Innerstes fressen wollten, und es schauderte ihn, so sehr berührte und zugleich erschreckte ihn die Intensität des Blickes.
Was hatte dieser Kerl unter all den Frauenbildnissen zu suchen? fragte er sich in plötzlichem Widerwillen.
"Ich weiß nicht, warum ich das gemalt habe!" beantwortete Miriam im selben Moment die ungestellte Frage. Und die Verwunderung über ihr Tun klang in den Worten nach.
"Manches Mal sehe ich dieses Gesicht im Traum", erklärte sie mit seltsam furchtsamer Stimme.
"...dann erwache ich schweißgebadet."
"Ich dachte, es hilft, wenn ich dieses Traumbild festhalte", stieß sie dann noch mit gepresster, atemloser Stimme hervor.
"Ich habe gehofft, dass die Sache damit für mich erledigt ist. Aber bis jetzt ist das leider nicht der Fall", seufzte sie.
"Im Gegenteil!“
„Ich weiß nun, dass ich ihn hasse!“ brach es dann mit unkontrollierter Wut aus ihr hervor.
„Jedes Mal mehr - wenn ich ihn ansehe!" Ihr Gesicht veränderte sich schlagartig, wurde für einen kurzen Augenblick zu einem fremden, von Abscheu erfüllten Antlitz, bevor es in seine alte Weichheit zurück glitt.
"Ich glaube, dass er mir einmal sehr Böses angetan hat", fügte sie mit vor Erregung vibrierender Stimme hinzu. Ihre Nasenflügel zitterten.
Xaver spürte bei diesen Worten ein eisiges Frösteln den Rücken hoch kriechen; war dankbar, als die schaurige Verbundenheit zwischen Miriam, ihm und dem Porträt durch Alexas erneutes Dazwischentreten unterbrochen wurde.
Ihr fröhliches, siegessicheres Lachen vertrieb die Schatten der Vergangenheit, die ihn, wie er noch nicht wusste, nicht zum letzten Mal gestreift haben sollten.
Ganz plötzlich überfiel ihn diese traurig machende Erschöpfung, die außergewöhnlichen Erlebnissen und Ereignissen zu folgen pflegt. Und so verschloss er sich in ungewohntem Mürrischsein Alexas Fröhlichkeit, als sich diese gutgelaunt von Miriam verabschiedete und an seinem Arm die Galerie verließ.
Der Zauber zwischen Xaver und Alexa war an diesem Abend zerstört worden.
Gehörte der Vergangenheit an.
Und jeder von ihnen wusste es.
So geschah es, dass Alexa, die Xavers Veränderung mit einer Mischung aus erstaunter Verärgerung, aber auch mit ein wenig Erleichterung zur Kenntnis nahm, diesen schließlich sehr distanziert verabschiedete.
Es bei einem auf die Wange hin gehauchten Abschiedskuss beließ, der genau so gut zwischen flüchtigen Bekannten hätte getauscht werden können, die sich gerade zufällig getroffen hatten. Nicht wie zwischen zwei Menschen, die eigentlich eine Nacht miteinander hatten verbringen wollen.

Xaver selbst war von diesem Abschied absolut nicht befremdet, denn all zu sehr verfolgten ihn im Geist zwei unterschiedliche Augenpaare.
Einerseits die stechenden Blicke des Männerporträts.
Aber wesentlich öfter und beeindruckender die des jungen Mädchens, die in seiner Erinnerung immer mehr zwei unergründlich tiefen, dunklen Bergseen glichen. 

Alexa öffnete die Türe zu der Wohnung, die sie lange, glückliche Jahre mit ihrem Mann geteilt hatte.
Warf sie verärgert - trotz der späten Stunde - lautstark hinter sich ins Schloss, schleuderte erleichtert aufatmend die Schuhe achtlos in hohem Bogen von sich und ließ Tasche und Schlüssel folgen.
Dann warf sie die Jacke ihres Designer-Kostüms über den Hut-Haken der Garderobe, der den feinen Wollstoff augenblicklich und sichtbar ausbeulte.
Öffnete im Weitergehen den Reißverschluss ihres Rockes, ließ ihn über das seidene, auf halber Schenkelhöhe endende Unterkleid gleiten, stieg mit beiden Beinen heraus und stieß den Rock gleichzeitig mit einer wütenden Bewegung des rechten Fußes zur Seite.
Übelgelaunt betrachtete sie das selbstverursachte Chaos, das so gar nicht zu ihr und in diese gepflegte Umgebung passte. Beschloss jedoch, an diesem Zustand im Moment nichts zu ändern.
Ja, sie beförderte sogar ihre unschuldigen Schuhe mit zwei weiteren Fußtritten beinahe bis zu der Tür, die in das Wohnzimmer führte. Fühlte sich dadurch seltsamerweise etwas entspannter, aber trotzdem schrecklich verloren, während sie sich in dem nächtlich stillen Raum umblickte.
Müde siehst du aus, stellte sie mit ihr selbst nicht ganz verständlicher Befriedigung fest, als sie sich schließlich mit aufmüpfig verschränkten Armen in dem üppig barockgeschnitzten Spiegel betrachtete, der einen großen Teil der einen Wand des Vorzimmers einnahm.
Frustriert auch, warf sie sich dann noch selbstquälerisch vor.
Sie stützte sich auf der weißgoldenen Konsole auf, fuhr mit dem Zeigefinger automatisch die unteren Augenränder entlang, an denen sich Kajal und Wimperntusche im Lauf des Abends ein wenig verschmiert hatten und entfernte die schwarzen Spuren sorgfältig.
Überlegend betrachtete sie den beschmierten Zeigefinger ihrer rechten Hand, bevor sie genüsslich die darauf haftende schwarze Paste in die feinen Linien rieb, die das Leben um ihre Augen gemalt hatte.
Du siehst aus wie ein Clown, erklärte sie ihrem Spiegelbild höhnisch, das ihren Blick ebenso erwiderte.
Und du wirst alt, stellte sie mit eisiger Kälte fest.
Prüfte mit wohl manikürten Fingern den Haaransatz, der ihrem kundigen Auge verriet, dass sich die Anzahl der unerwünscht grauweißen Haare vermehrt und unter das ursprünglich dunkle Blond gemischt hatten.
Färben und Meischen sind schon wieder fällig, meine Liebe, dachte sie.
Du wirst nachlässig, ermahnte sie ihr Spiegelbild.
Dann zog Alexa ungestüm an der Schleife der Seidenbluse. Von der Zurückweisung, die ihr durch Alex soeben widerfahren war, wesentlich mehr aufgebracht, als sie vor sich selbst zugeben wollte.
Der zarte, kühle Stoff rieselte sogleich wie kühles Nass von ihren Schultern, die sich übrigens ihrem skeptischen Blick in makelloser Glätte darboten und entgegen ihrer Behauptung keinerlei Altersspuren aufwiesen.
Sie beugte sich wieder vor und betrachtete kritisch ihren Körper, der sich ihrer üblen Laune zum Trotz mit unglaublich festen Konturen präsentierte.
Sie hob die Arme, die - wie sie mit seltsamer Genugtuung feststellte - in den Beugen winzige Falten erkennen ließen.
Junge Haut hat keine Falten, triumphierte sie.
Befreite zugleich mit einem erleichterten Aufseufzen ihr Haar vom Druck des schwarzen Samtreifens, der dieses bisher gebändigt und in Form gehalten hatte.
Mit nach hinten geneigtem Kopf schüttelte sie es, und die dichte, dunkelblonde Haarpracht umschwang sie in seiner ganzen sorgfältig gepflegten und geföhnten Fülle.
Sie hielt inne, blickte nochmals in den Spiegel, und die wütend blitzenden Augen verloren  ihre Härte, als sie die Erinnerung an vergangene Zeiten überfiel.

Hans hatte ihr Haar ganz besonders geliebt, erinnerte sie sich.
Ein weiches Lächeln verzauberte ihr Gesicht, als sie daran dachte, wie er hunderte Male sein Gesicht mit einer zärtlichen Geste darin verborgen und den Honigduft, der stets davon ausströmte, mit einem tiefen Atemzug eingesogen hatte.
Ein Duft, der jetzt noch von ihr ausging, denn nach all den Jahren benutzte sie noch immer dasselbe Shampoo, obwohl Hans niemals wieder sein Gesicht in ihrem Haar vergraben würde.
Ein leises Sehnen schlich sich in ihr Herz, als sie an seine Warmherzigkeit und seinen Frohsinn dachte.
Diese Eigenschaften waren es gewesen, die ihn für sie so liebenswert  und unvergesslich gemacht hatten.
Sie griff gedankenverloren nach der silbernen Bürste, die stets griffbereit vor dem Spiegel lag, um ihr Haar, trotz der späten Stunde, ausgiebig zu verwöhnen.

Alexa und Hans hatten sich während ihrer Studienzeit kennengelernt und waren schon bald, nach kurzem Überlegen und zum Entsetzen ihrer Eltern zusammengezogen. Hausten ab da in einer „schrecklichen Bude“, wie es Alexas Mutter auszudrücken pflegte.
Trotz all der materiellen Beschränkungen, die sie sich auferlegen mussten, war dies wohl die schönste und glücklichste Zeit ihres Lebens. Hatte sich die Liebe zwischen Hans und ihr doch von Tag zu Tag vertieft, und war es ihnen beiden sehr bald klar geworden, dass sie ihr Leben gemeinsam verbringen wollten.
Die Liebe und das Kunststudium waren ihr Lebensinhalt und zwar genau in dieser Reihenfolge.
Die restliche Zeit verbrachten sie in Museen und Ausstellungen, wo sie sich an den Farben und Kompositionen der Gemälde berauschten oder oft genug die Köpfe heiß diskutierten.
Manches Mal stöberten sie aber auch endlos lang bei Altwarenhändlern, auf Floh- und Kunstmärkten und freuten sich, wenn sie wieder ein weiteres Stück für die sehr individuelle Einrichtung ihrer Wohnung gefunden hatten.
Auf so einem Kunstmarkt war es gewesen, wo sie den Künstler entdeckten, der in ihrer beider Leben eine überaus wichtige Rolle spielen sollte.

Es war an einem wunderschönen, heißen Sommersonntag, der die meisten Leute aus der von brütender Hitze erfüllten Stadt hinaus in kühlere Gefilde getrieben hatte. Die Straßen lagen beinahe menschenleer da, und Alexa und Hans genossen die Stille, die die ansonst übliche Lärmkulisse ungeduldig hupender Autofahrer und klingelnder Straßenbahnen ersetzt hatte.
Sie schlenderten Hand in Hand langsam durch die verlassenen Gässchen, die gelegentlich ein wenig Schatten boten und machten sich gegenseitig auf die Schönheit so mancher Gebäude aufmerksam, die sie erst heute entdeckt hatten. An denen sie bisher Tag für Tag achtlos vorbeigehastet waren.

Schließlich kamen sie zu einem kleinen Platz, in den verschiedene Gässchen von allen Seiten mündeten, der von alten, stuckgezierten Patrizierhäusern umrahmt war, deren Höhe ein wenig willkommenen Schatten warf.
In der kopfsteingepflasterten Mitte des Platzes saß, unbeeindruckt vom Sonnenglast, eine bunt und lässig in Jeans und Cowboyhemd gekleidete Gestalt in stoischer Ruhe und Gelassenheit.
Nur ab und zu hatte der Mann in den vergangenen Stunden nach seinem weißen, leichten, breitkrempigen Sombrero gegriffen, den ein buntes Band aus Federn schmückte; dessen Sitz zurecht gerückt, so dass ihn die grellen Strahlen der Sonne nicht blendeten.
In deutlichem Abstand zu der auffallenden Gestalt, die trotz der Hitze Schlangenlederstiefel trug, hatten sich einige wenige Händler am Rande des kreisförmigen Platzes im Schatten niedergelassen, wo sie ihre Ware, bunte Ketten, Tücher, Räucherstäbchen, aber auch altes Geschirr, Bücher, Schallplatten und sonstiges ehemals Geliebtes und Geschätztes auf  Decken oder am bloßen Boden liegend, feilboten.
So war der Mann, gewollt oder ungewollt, optischer Mittelpunkt dieses Szenariums, obwohl er sich ruhig, ja anscheinend völlig desinteressiert verhielt.
Sorglos hingeworfen lagen einige Zeichenblätter vor ihm auf dem Straßenpflaster. Er schien sie nicht für weiter wichtig zu halten, da er sie keines Blicks würdigte, sondern unverwandt gedankenverloren in die Ferne starrte.
"Lass uns hingehen. Ich möchte sehen, wie er malt", meinte Hans, dessen Neugierde sofort erregt worden war.
Alexa stimmte wortlos zu.
Hand in Hand schlenderten sie in Richtung der auffälligen Gestalt, blieben vor den Zeichnungen stehen und drückten gleichzeitig, atemlos vor Begeisterung, die Hand des anderen.
Sie standen vor den Werken eines großen Künstlers. Das war ihnen augenblicklich klar.
Und diese ihre Meinung sollte die gesamte Kunstwelt wenige Jahre später auf enthusiastische Art und Weise und durch zahllose Preise und Ehrungen bestätigen.
In altmeisterlich perfekter  Manier gezeichnet, zeigten die Blätter eine Welt, die so unglaublich und fantastisch war, dass man sich nur entsetzt davon abwenden oder aber darin verlieren konnte, mit all ihren Fabelwesen, Hexen, Gnome und seltsamen Geschehnissen.
Sie sind schaurig schön, schoss es Alexa durch den Sinn. Sie beugte sich weiter vor, um die Blätter genauer betrachten zu können.
"Sie erinnern mich an etwas. Aber ich weiß nicht, woran", murmelte sie und ging dabei in die Knie.
Dann griff sie nach einer Zeichnung und fragte, obwohl ihrer beider Finanzsituation gerade wieder einmal äußerst angespannt war, was diese Zeichnung koste.
Der genannte Preis war selbst für einen Straßenhändler günstig.
Also griff Hans, nach einem kurzen, Einvernehmen heischenden Blick auf Alexa, nach seiner Geldbörse und legte den lächerlichen Betrag dem Künstler in die ausgestreckte Hand.
Der steckte das Geld, sich kurz bedankend, achtlos ein und schien sich anscheinend sofort wieder in seine nur ihm zugängliche Welt zurückziehen zu wollen; in der ganz offensichtlich kein Platz für ungebetene Eindringlinge war.
Sein Alter war übrigens schwer abzuschätzen, da ein graumelierter, dichter Vollbart den Großteil seines leicht gebräunten Gesichts verbarg, aus dem strahlend blaue Augen blickten, die geübt schienen, in das Innerste eines Menschen vorzudringen.
Aber jetzt waren es unwillige Augen, die sich auf Hans und Alexa richteten, da die beiden noch immer keine Anstalten machten, zu gehen.
"Haben Sie noch andere Arbeiten? Vielleicht auch Ölgemälde?" fragte Hans ungewöhnlich scheu. Was seinem ansonst so fröhlichen, unbekümmerten Naturell überhaupt nicht entsprach.
Ein prüfender Blick aus intensivblauen Augen glitt kurz über das junge Paar.
Ein wortloses Nicken war die Antwort.
"Dürfen wir die sehen? Wir sind Kunststudenten und lieben alles, was mit Kunst zusammenhängt.“
„Dürfen wir?" bettelte Alexa so eindringlich, als wenn es ganz wichtig und entscheidend für ihr Leben wäre.
Etwas wie Freude zuckte in den Augen des seltsamen Mannes auf.
Sein jetzt nicht mehr ganz so strenger Blick glitt schließlich nochmals eindringlich über Alexas junges, schönes Gesicht, und sogar die Andeutung eines Lächelns überflog dabei seine Miene.
Dann stand er wortlos auf, sammelte die verstreut umher liegenden Blätter ein und legte sie in die dunkelblaue Mappe aus starkem Karton, auf der er die ganze Zeit gesessen hatte.
Er klemmte die nun solcherart geschützten Zeichnungen unter den Arm und deutete - noch immer wortlos - den jungen Leuten, ihm zu folgen.
"Ist nicht weit von hier", knurrte er nach einigen Schritten und ging in seinem seltsam schlingernden Gang voraus.
"Sieht schlimm aus bei mir. Kann mir im Moment aber nichts anderes leisten."
"Uns geht es auch nicht anders", antwortete Alexa verständnisvoll; fand nun allmählich wieder zu ihrer üblichen Ungezwungenheit zurück.
Bald darauf standen sie vor einem alten Haus, das zur Zeit des Jugendstiles ein Prachtbau gewesen sein musste.
Jetzt allerdings war das ehemals zarte Grün des Verputzes in ein  staubersticktes Grauschwarz verkommen, das Gold der Ornamente teils verblasst oder gar vom Regen abgewaschen.
Das dunkle Holz der Eingangstür ließ noch ein wenig von der einstigen Schönheit erahnen, denn die plastisch geformten, schlanken Gestalten zweier von Blütengirlanden umrankten Mädchen rekelten sich darauf, waren noch immer die Hüterinnen bunten Glases, das erstaunlicherweise  völlig unbeschädigt war.
Alexa bewunderte ganz automatisch im Vorübergehen den Schwung des Haares, das die hölzernen Figuren, in geschnitzter Pracht, wogend umgab. Dann folgten Hans und sie dem Maler, der das Tor in einer Anwandlung von wahrscheinlich nicht allzu oft praktizierter Höflichkeit für sie beide offen hielt.
Der Blick fiel auf alte Fliesen, deren Blütendekor abgetreten und zerbrochen unter ihren Schritten knirschte, sofern er nicht gänzlich fehlte.
Die Stufen der geländerbewehrten Treppe, die in die trotz Tageslichts düsteren Stockwerke führte, zeigten ebenfalls beschädigte, abbröckelnde Kanten und feine Risse, die nicht gerade Vertrauen erweckten. Eher vor dem Betreten warnten. 
Fenster, die vor langer, langer Zeit möglicher Weise ebenfalls mit buntem Glas entzückt hatten, waren teils mit Holzbrettern vernagelt, teils fiel nur ein wenig düsteres Licht durch schmutziggraue, ungeputzte Scheiben und zeigte gnadenlos die Schäbigkeit vergangener Schönheit auf.
Der Maler schien dies alles nicht zu bemerken. Ging den beiden vielmehr zielstrebig voran und wurde immer schneller, je mehr Stockwerke sie bewältigt, je mehr Stufen sie bereits erklommen hatten.
Sie konnten ihm trotz ihrer Jugend nur keuchend folgen, und so erreichten Alexa und Hans nach Atem ringend endlich den vierten und letzten Stock; standen schließlich vor einer grob eisenbeschlagenen Tür, die so gar nicht in dieses einstmals wohl elegant und feminin anmutende Haus passte.
Die Tür schwang sogleich auf, nachdem sie der Maler mit einem großen, schweren Schlüssels aufgesperrt hatte, den er aus einem Versteck über dem Türsims hervorholte.
"Beeilt euch! Macht schnell zu, sonst wirft mir der Zug alles durcheinander", forderte er  sie gleich darauf hektisch und besorgt auf. Schloss  die Tür hinter ihnen, indem er sich mit seinem ganzen Gewicht energisch dagegen warf.
Ein klösterlich karger, weißer Raum lag vor ihnen.
Ein alter Dachboden, den jemand in mühseliger Arbeit komplett weiß gestrichen hatte.
Sogar der unebene, von brüchigen Ziegeln gebildete Boden war weißgekalkt und zum Schutz mit einer dicken Lackschicht versehen. So weit man das beurteilen konnte.
Denn der Boden war mit Zeichnungen übersät, die beim Öffnen der Tür teilweise durcheinandergewirbelt worden waren.
Alexa und Hans zogen dem Beispiel des Malers folgend die Schuhe aus, denn das verlangte sowohl die blendende Weiße des Raumes, als auch der Teppich aus Zeichnungen.
Neugierig blickten sie sich um.
Eine Flut von Licht strömte durch die teilweise verglasten Dachschrägen herein, unter denen die sommerliche Hitze, jetzt noch gnadenloser und nicht vom kleinsten Windhauch gemildert, brütete.
Eine Welle strahlender Helligkeit schwappte verstärkt durch das Weiß der Wände auf meterhohe Bilder, denen die ungestörte Neutralität der Wände willkommener Hintergrund war.
"Nehmt Platz", forderte der Künstler sie gelassen auf. Schob mit dem Fuß ein paar Zeichnungen zur Seite, zeigte auf den blanken Boden darunter, setzte sich beispielgebend nieder und legte seinen weißen Hut ab, den er bisher aufbehalten hatte.
Er fuhr mit beiden Händen durch sein graumeliertes, beinahe schulterlanges Haar, das in unerwarteter Dichte den Kopf umgab und atmete erleichtert auf.
Seine Aufforderung traf allerdings auf taube Ohren, denn Alexa und Hans verharrten mit bewundernd glänzenden Augen seit einer geraumen Weile in der Nähe des Eingangs, bevor sie sich allmählich, vorsichtig und offensichtlich überwältigt von dem, was sich ihren Augen darbot, weiter in den Raum hineinwagten.
Zufrieden nahm der Künstler dies zur Kenntnis.
Stille lag über den Dreien, die sich nun ganz dem gemeinsamen Schauen hingaben.
"Was haltet ihr von einem Glas Wein?" ließ sich nach einer geraumen Weile die tiefe Stimme des Malers vernehmen, der in der Zwischenzeit leise aufgestanden war, um die beiden nicht zu stören. Jetzt hinter ihnen, beobachtend, mit überkreuzten Armen und mit bloßen, braunen Füßen, zwischen zweien seiner Werke an der Wand lehnte.
Mit einem Nicken nahmen sie die ihnen angebotenen, mit Wein gefüllten Wassergläser entgegen, leerten sie langsam während ihres staunenden Schauens, und es dauerte eine ganze Weile, bevor sie sich zu einem Gespräch durchringen konnten, aber dann sprudelten die Fragen nur so aus ihnen heraus.
An diesem Tag legten sie den Grundstock zu einer tiefen Freundschaft, die all die Jahre überdauern sollte.
Viele schöne Stunden hatten sie danach immer wieder in dem Atelier von  Rainer Erle verbracht, aber keine war von so intensivem Fühlen erfüllt gewesen, wie bei jenem ersten Treffen.
Hatte er ihnen doch damals die Welt der Kunst mit seinen Werken viel näher gebrachte, als dies das Studium und die Universität je vermocht hatten.
So manches seiner Werke erwarben sie noch während ihrer Studienjahre. Mühsam und entbehrungsreich sparten sie dafür Groschen um Groschen zusammen, obwohl Rainer für sie schon immer ganz speziell günstige Preise gemacht hatte.
Hartnäckig verfolgten sie ihr Ziel.
Bis es eines Tages tatsächlich so weit war, dass sie ihre eigene Galerie mit einer Ausstellung der Werke von Rainer Erle eröffnen konnten.
Niemand anderem hatte er seither in dieser Stadt seine Bilder, seine "Babies", wie er sie zärtlich nannte, anvertraut.
Nur ihnen, und es hatte für alle Beteiligten reiche Früchte getragen.

Alexa stand jetzt barfuss, und nur mit dem cremefarbenen, seidenen Unterkleid und dem Höschen bekleidet, das sie unter dem Kostüm getragen hatte, vor dem großen Bild, das Erle vor kurzem von ihr gemalt hatte. 
Sie hielt dabei Miriams, soeben erstandenes Werk in Händen und betrachtete es zum ersten Mal wirklich eingehend und intensiv.
Wie seltsam! Erst jetzt wurde ihr bewusst, welch eigenartige Affinität zwischen dem vorhin gekauften und dem bereits vorhandenen Gemälde bestand.
Vorsichtig hob sie dann die Neuerwerbung hoch und hing sie neben ihr Porträt an einen Haken, von dem sie zuvor ein anderes Bild abgehängt hatte. Dann suchten ihre Hände ungeduldig den Tisch nach Streichhölzern ab, um die Kerzen des vielarmigen Leuchters zu entzünden, deren mildes Licht sie in Stunden wie dieser besonders liebte. Sie schenkte sich ein Glas Sherry ein, obwohl sie aus Erfahrung wusste, dass ihr der Alkohol am nächsten Tag Kopfschmerzen bereiten würde.
Egal! dachte sie. Diese Stunde muss gefeiert werden.
So saß sie schließlich, etliche daunengefüllte Polster gemütlich zwischen Rücken und Lehne der Couch gestopft, auf dem weichen, samtbezogenen Möbel, das der beste Platz war, um ihre Lieblingsbilder ausgiebig zu betrachten.
Sie drehte das sherrygefüllte Glas langsam in Händen, genoss das Bouquet des Alkohols in winzigen Schlucken, blickte dabei konzentriert auf die von flackerndem Kerzenschein übergossenen Gemälde und beugte sich auf einmal atemlos vor.
Ihr von Rainer Erle geschaffenes Ebenbild schien sich im zuckenden Licht der Kerzen verzweifelt und sehnsuchtsvoll der von Miriam geschaffenen Gestalt  entgegen zu bäumen!
Sie stellte das Glas mit einer raschen Bewegung, die es aufklirren ließ auf den niedrigen Couchtisch zurück.
Geschockt erkannte sie, welch unsägliche Qual aus ihrem eigenen Konterfei zu sprechen schien.
Wie verletzlich, wie hilflos ich auf einmal wirke! durchschoss es sie.
Bei normalem Tageslicht besehen, hatte ihr Porträt noch nie so auf sie gewirkt.
Aber jetzt fiel ihr ein, dass Rainer bei der Lieferung erwähnte, dass er die letzten Lasuren eines Nachts bei Kerzenlicht gesetzt hatte.
Erst dann sei er mit der Ausstrahlung des Porträts zufrieden gewesen, meinte er.
Hatte sie dabei wieder einmal mit diesem intensiven Blick, der sie stets bis ins Innerste durchdrang, gemustert. Danach hatte er ihre Hand geküsst.
Auf der Innenseite.
Ein schönes Gefühl, erinnerte sie sich schmerzlich lächelnd.
Traurig, wie sehr sie nach Berührung gierte.
Mit fahrigen Bewegungen versuchte sie, sich eine Zigarette anzurauchen, die sie stets in einer silbernen Dose für Gäste bereit hielt.
Gedankenverloren blies sie den Rauch in Richtung der Gemälde und beobachtete, wie die Hitze der Kerzen die zarten Rauchschwaden in Bewegung setzte und sich diese dann in Nichts auflösten.
Ich rauche doch gar nicht! ärgerte sie sich. Fehlt noch, dass ich jetzt auf einmal damit anfange.
Entschlossen tötete sie die Zigarette ab und wandte sich wieder den Bildern zu.
Erle hatte also wieder einmal Verborgenes, Unausgesprochenes so geschickt hinter einer bei normaler Beleuchtung glatten, ansprechenden Fassade verpackt, dass selbst sie es bis zum heutigen Tag  nicht bemerkt hatte, bewunderte sie ihn insgeheim.
Oder vielleicht nicht bemerken wollte? fuhr es ihr durch den Kopf.
Wirkte ihr Ebenbild in diesem flackernden Licht nicht wie von dem Wunsch beseelt, zu helfen? fragte sie sich
Als wenn sie jemand retten wollte.
Alexa nippte wieder an ihrem Sherry und beugte sich plötzlich in atemlosem Erkennen vor.
Diese von Miriam geschaffene Frauengestalt - schien sie nicht von Feuer umlodert?
Löste sich der Hintergrund nicht in Flammenzungen auf, die gierig nach der sich verzweifelt aufbäumenden Gestalt griffen?
Und war da nicht im Flammenmeer ein bleiches, weißes, seltsam bekanntes Männergesicht zu erkennen, dessen halbwahnsinniger Ausdruck  von unsagbarem Leid und tiefster Verzweiflung sprach?
Alexa nahm verwirrt und mit zitternden Händen einen weitaus zu kräftigen Schluck aus dem Sherry-Glas, der sich in ihrer Kehle verirrte und sie halb erstickt, mit pochendem Herz und zu Tode erschrocken in die Polster zurückfallen ließ.
Luft, sie brauchte Luft! Und sie kämpfte und rang danach, bis ihre Kehle wieder frei war, aber noch eine ganze Weile seltsam brannte.
So als wenn sie Rauch eingeatmet hätte, der sich schmerzend bis in die feinsten Verästelungen ihrer Lungen ausgebreitet hatte.
Erschöpft blieb sie zusammengekauert auf der Couch liegen, die Augen noch immer den Bildern zugewandt.
Sie starrte und grübelte, während die Kerzen allmählich herab brannten, ihre Augen immer öfter zufielen und sie allmählich in einen tiefen, jedoch mit erschreckend wilden, bunten Träumen versehenen Schlaf sank.


ENDE DES 1. KAPITELS

2. KAPITEL
DIE GESCHICHTE WECHSELT IN DAS
M I T T E L A L T E R
MIT EINEM KURZEN ZWISCHENSPIEL IN DER GEGENWART


WEM DIE GESCHICHTE GEFÄLLT, SCHICKT DEN LINK WEITER.
DANKE, MEINE LIEBEN!








ART FOR SALE
Studio Gitta Landgraf-Hausmann
A-1070 Wien, Mariahilfer Straße 94/37
+43 (0)664 - 322 93 30
gitta.landgraf@gmail.com   artforsale@gmx.at
GEMÄLDE:
www.gitta-landgraf.at   www.angels-for-you.com
W E B S H O P:
http://in-love-with-cats.blogspot.com











Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen